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Bericht Kölner Stadtanzeiger 25.07.06 von Stefan Neitzert
Sekundenschlaf auf dem Rad
Hobby-Sportler Stefan Neitzert vergisst die Qualen am Ziel wieder.
Bad Münstereifel-Neichen - Im Jahr legt er rund 12 000 Kilometer auf dem Fahrrad zurück. Hinzu kommen große Distanzen, die er zu Fuß läuft oder im Training joggt. Stefan Neitzert bezeichnet sich selbst auch treffend als „Rad-Masochisten“. Fahrradtouren über 500 Kilometer, nonstop wohlgemerkt, brutale Steigungen, Schmerzen, Müdigkeit und mitunter extreme Witterungsbedingungen: Eine gewisse Leidensbereitschaft scheint der 42-Jährige aus dem idyllischen Neichen durchaus vorweisen zu können.
Fast jedes Wochenende ist der Lastkraftfahrer unterwegs, oft bei RTC-Touren wie der Fahrt „Rund um Weilerswist“. Dann fährt er aber nicht etwa mit dem Auto aus dem Münstereifeler Höhengebiet in die Voreifel, sondern nimmt schon für die Anreise das Fahrrad; das ist für ihn Training, Entspannung vom anstrengenden Job und Naturerlebnis in einem.
Wenn der drahtige Sportler von seinen Touren erzählt, vergisst er jedoch fast, die Mühen und Qualen überhaupt zu erwähnen. Von der Herausforderung ist dann die Rede, von der schönen Landschaft, vom Teamgeist unter den Radfahrern und dem tollen Gefühl am Schluss, wenn alles geschafft und überstanden ist. Bis zum Jahr 2003 gehörte die Teilnahme am Radsportklassiker Trondheim-Oslo zu den Höhepunkten in den 15 Jahren, in denen Stefan Neitzert nun schon intensiv trainiert und Marathon-Fahrten mitmacht.
Gemeinsam ans Ziel
Anfang Juni nahm er an der Tour „Bavaria Extrem“ teil, einer rund 500 Kilometer langen Strecke mit dem Rennrad von Fulda nach Garmisch-Partenkirchen. Den Veranstalter Dieter Göpfert aus Kitzingen, der auch die jährliche Tour „German Race Crossing“ (1100 Kilometer von Flensburg nach Garmisch-Patenkirchen) organisiert, hatte er im Januar beim ebenfalls von Göpfert geplanten Winter-Fahrrad-Marathon „Ride - Der Eisbär“ kennen gelernt.
Im Gruppenverband fuhren bei „Bavaria Extrem“ vier Teilnehmer, die sich zuvor noch nie gesehen hatten, einem „Gejagten“ hinterher. Dieser war zwei Stunden vor den anderen gestartet und die vier Männer aus Neichen, Graz, Konstanz und Fulda versuchten, den Abstand zu verringern. Am Start, beim historischen Schloss in Fulda, schworen sich die Sportler, „auf jeden Fall das Ziel gemeinsam“ zu erreichen. Geplant war ein Schnitt von etwa 28 Stundenkilometern, mit kurzen Verpflegungsstopps jeweils nach rund 60 Kilometern.
„Laut Veranstalter“, erinnert sich Stefan Neitzert, „sollte der Beginn der Tour über die Hoch-Rhön »leicht wellig« verlaufen - soweit die Theorie.“ Denn die Steigung betrug schon hier bis zu 20 Prozent. Die Strecke führte unter anderem über Bad Brückenau, Hammelburg, Kitzingen, Schloss Dennenlohe, Oettingen, Augsburg und Oberammergau, immer voran das Führungsfahrzeug mit Dieter Göpfert, der auch während der kurzen Pausen für die nötige Verpflegung sorgte.
„Nie wieder“, dachte Stefan Neitzert zuweilen, wie er später gegenüber seiner Frau Andrea zugab. Die gebürtige Münstereifelerin begleitete ihren Mann als Betreuerin und lenkte auch das Schlussfahrzeug der Sportler-Gruppe. Aus dem Pkw beobachtete sie oft mit Sorgen, wie ihr Mann und seine Mitstreiter mit dem langen Weg, den Anstiegen, aber auch der zehn Kilometer langen Schlussabfahrt bei vier Grad im strömenden Regen kämpften.
„Ich habe einmal beim Hinterherfahren sogar beobachtet, wie Stefan auf dem Rad einschlief“, erzählte Andrea Neitzert. Umso glücklicher waren alle Teilnehmer und Begleiter, als die Vierergruppe nach 16 Stunden, durchschnittlich 35 Stundenkilometern am Anfang und 31 Stundenkilometern in der Schlussphase ohne Pannen und Verletzungen das Ziel erreichte.
Dass ihr Mann nach seinem anstrengenden Arbeitstag abends im und rund um das Münstereifeler Höhengebiet trainiert, bei längeren Lkw-Fahrten mit Übernachtungen vor Ort joggt, viel Zeit in die Fahrrad-Pflege investiert und fast jedes Wochenende auf Tour geht, stört Andrea Neitzert nicht: „Schließlich bin ich selbst sehr sportlich und mache weniger heftige Touren auch mit.“ Und bei den größeren Sportereignissen versucht sie so oft wie möglich, dabei zu sein.
Sie war es auch, die Stefan Neitzert aus dem Westerwald in das 42-Seelen-Örtchen Neichen „lockte“. Vor vier Jahren lernten sie sich beim Staffellauf Bonn-Minsk kennen, einer Sponsoren-Veranstaltung zugunsten krebsgeschädigter Kinder aus Tschernobyl. „Das war eine Woche lang so intensives Zusammenleben wie bei »Big Brother«“, blicken die beiden zurück. „Nach zweieinhalb Jahren kennt Stefan die Gegend durch seine Touren jetzt fast besser als ich nach elf Jahren in Neichen“, hat Andrea Neitzen bemerkt.
Paris-Brest-Paris
Stefan Neitzert hat einen weiteren Traum: das 1200 Kilometer lange, eintägige Radrennen Paris-Brest-Paris, eines der ältesten Straßen-Radrennen. 1891 wurde es erstmals von der Zeitung „Le Petit Journal“ ausgelobt. Seit 1956 ist die Teilnahme Hobby-Radsportlern vorbehalten. Sollte also in der Eifel ein roter Fahrrad-Helm vorbeirasen, der Neitzert den Spitznamen „Rotkäppchen“ einbrachte, bleibt nur ein Sekunden-Bruchteil, um „Bonne Chance“ zu wünschen.
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